Gewinnt wirklich der Angriff Spiele und die Abwehr Meisterschaften? – Teil 1: Die Spielgeschwindigkeit

Gewinnt wirklich der Angriff Spiele und die Abwehr Meisterschaften? – Teil 1: Die Spielgeschwindigkeit

  • Beitrag veröffentlicht:15. Juli 2020

„Spiele gewinnt man vorne – große Meisterschaften hinten.“ Dies sagte der damalige Bundestrainer Heiner Brand vor dem das Olympia-Finale 2004. Ursprünglich soll das Zitat aus dem US-Sport stammen, doch genutzt wird es in jeder Mannschaftssportart immer wieder gerne.

Aber stimmt das auch wirklich? Sind Teams mit einer guten Defensive tatsächlich eher langfristig erfolgreich? Und was ist überhaupt ein guter Angriff und eine gute Verteidigung?

Tore pro Spiel und Wurfquoten

Am einfachsten wäre es natürlich die Summe der erzielten Tore zu nehmen. In der Handball-Bundesliga hätten dann in der vergangenen Saison der THW Kiel sowie der SC Magdeburg den besten Angriff gestellt. Beide Teams erzielten jeweils 782 Tore.

Doch hier tritt schon das erste Problem auf. Kiel absolvierte nur 26 Spiele, Magdeburg aber 27. Das scheint also nicht ganz fair zu sein. Eine einfache Lösung dafür wäre es, die Anzahl der Tore pro Spiel zu berechnen. Dann wäre Kiel mit 30,1 Toren pro Spiel auf Platz 1.

Das Problem hierbei ist jedoch, dass Teams, die mehr Angriffe als andere haben, so bevorteilt sind. Es ist schließlich kein Qualitätsmerkmal der Offensive (übertrieben gesagt) immer nur schnelle Mitte zu spielen. Oder nach wenigen Sekunden im Angriff auf das Tor zu werfen.

Dies könnte umgangen werden, indem die Wurfquoten herangezogen werden. Dann wären die Füchse Berlin mit 67,3 % der beste Angriff der Liga gewesen. Aber reicht es das nur an den Wurfquoten abzuleiten? Was ist beispielsweise mit Ballverlusten? Diese sind schließlich auch ein Zeichen von schlechter Offensive und guter Defensive.

The “Advanced” box score explained | Pace & Four Factors (NBA Stats 101 Part 3)

Tore pro Ballbesitz

Genau aus diesen Gründen ist es im Basketball üblich die Qualität des Angriffs und der Abwehr in Toren pro Ballbesitz darzustellen. Die Ballbesitze werden berechnet aus der Summe aus Feldwurfversuchen, Ballverlusten und 0,44 der Freiwurfversuchen abzüglich der Offensiv-Rebounds.

Der Faktor von 0,44 bei den Freiwürfen wird genutzt, da die Anzahl der zugesprochenen Freiwürfe von einem bis drei variieren kann. Dabei handelt es sich also nur um eine Schätzung, nicht um den tatsächlichen Wert.

Dies lässt sich einfach auf den Handball übertragen. Hier bestehen die Ballbesitze aus der Summe aller Abschlüsse (aus dem Feld und 7-Meter) und der Ballverluste abzüglich der zweiten Wurfchancen. Da beim Handball ein Faktor wie bei den Freiwürfen beim Basketball nicht notwendig ist, ist die Berechnung sogar genauer.

Die Spielgeschwindigkeit im Handball

Die Spielgeschwindigkeit – im Englischen „Pace“ genannt -, ist die Anzahl der Ballbesitze pro Team pro Spiel. In der abgebrochenen Saison 2019/20 variierte sie in der HBL von 45,8 bis 51,1. Magdeburg, das am schnellsten spielende Team, hat also pro Spiel fast fünf Angriffe mehr als die am langsamsten spielenden Eulen Ludwigshafen.

Pace (Angriffe pro Spiel) der HBL-Saison 2019/20.

Auch einen Zusammenhang zwischen Erfolg und Spielgeschwindigkeit scheint es nicht zu geben. Von den drei erstplatzierten Teams spielten Kiel durchschnittlich, Flensburg eher langsam, während Magdeburg sehr schnell spielte. Von den drei Letztplatzierten spielte Balingen sehr schnell, Nordhorn durchschnittlich und Ludwigshafen sehr langsam. Sogar langsamer als alle anderen Teams der der vergangenen drei Saisons.

Nicht nur Ludwigshafen spielte sehr langsam, sondern es wurde auch die komplette Liga langsamer. Denn der Liga-Durchschnitt sank von 49,6 Ballbesitzen pro Spiel in der Saison 2017/18 über 49,1 in 2018/19 auf 48,9 in 2019/20.

Kiels Trainer Filip Jicha nahm dies vor einigen Wochen zum Anlass, um die Einführung einer Wurfuhr im Handball, wie es sie bereits im Basketball gibt, zu fordern. Denn seiner Meinung nach sei die langsame Spielgeschwindigkeit der HBL für die Attraktivität des Sports nicht förderlich. Kiel habe in der Bundesliga fünf Angriffe weniger pro Spiel als in der Champions League.

Mit dem Großteil seiner Ausführungen hat Jicha sicherlich recht. Aber nicht nur die Schiedsrichter, sondern auch er selbst könnte die Spielgeschwindigkeit seines Teams beeinflussen. Immerhin hatte Magdeburg in der vergangenen Saison pro Spiel fast drei Angriffe mehr als Kiel. Die Pace der Kieler in der HBL unter Jicha war sogar unterdurchschnittlich.

Die fünf Teams mit der höchsten Pace (meiste Angriffe pro Spiel) von 2017/18 bis 2019/20.

Die Hintergründe der Spielgeschwindigkeit

Die Gründe für die Spielgeschwindigkeit sind vielfältig. Es kann beispielsweise eine Strategie eines guten Teams wie Magdeburg sein möglichst viele Angriffe zu generieren. Denn in mehr Versuchen setzt sich eher das Team mit mehr Qualität durch. Ganz nach dem Gesetz der großen Zahlen. Auch eine gute Defensive, die viele Ballverluste und somit Tempogegenstöße erzwingt, kann Grund für eine hohe Pace sein. Oder beispielsweise das häufige Ausnutzen der schnellen Mitte nach Gegentoren.

Das Gegenteil ist ebenfalls möglich: Mit weniger Angriffen steigt die Möglichkeit eines Überraschungssiegs. Dies scheint die Taktik von Benjamin Matschke und seinen Eulen zu sein. So schafften sie auch ihren Überraschungssieg gegen die SG Flensburg-Handewitt. Beide Teams hatten in diesem Spiel sogar nur 43 Angriffe. Für Teams mit einem sehr straffen Spielplan, wie Flensburg, bedeutet eine langsamere Pace natürlich auch etwas weniger Belastung.

Wie bereits festgestellt, liefert die Pace noch lange keine Antwort für die Ausgangsfrage nach dem besten Angriff und der besten Verteidigung. Aber sie ist ein erster Schritt auf dem Weg dahin.

Die Spielgeschwindigkeiten aller Teams der vergangenen drei Spielzeiten können hier abgerufen werden.

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