Gewinnt wirklich der Angriff Spiele und die Abwehr Meisterschaften? – Teil 2: Offensive und Defensive Ratings

Gewinnt wirklich der Angriff Spiele und die Abwehr Meisterschaften? – Teil 2: Offensive und Defensive Ratings

  • Beitrag veröffentlicht:22. Juli 2020

Um Leistungen von Offensiven und Defensiven verschiedener Teams zu vergleichen, ist es am fairsten, wenn die Tore pro Ballbesitz gerechnet werden. Den besten Angriff stellt also das Team mit den meisten erzielten Toren pro Ballbesitz. Dies wird auch als Offensive Rating bezeichnet. Die beste Abwehr hat das Team mit den wenigsten Gegentoren pro Ballbesitz. Dies ist das Defensive Rating. Mit diesen beiden Kennzahlen kann dann auch die Frage beantwortet werden, ob das Sprichwort, dass Offensiven Spiele und Defensiven Meisterschaften gewinnen, stimmt.

Kiel dominiert in der Offensive

Zur besseren Darstellung ist es ist im Basketball üblich, die Punkte pro Ballbesitz mit 100 zu multiplizieren. Denn ein Team hat grob gerechnet etwa 100 Angriffe pro Spiel. So ähnelt das Rating dann der Endpunktzahl eines Spiels. Für den Handball bietet es sich an dies auf 50 zu halbieren, da ein Team grob rund 50 Angriffe pro Spiel hat. In einer Formel ausgedrückt bedeutet dies also:

Offensive Rating = Tore / (Würfe + Ballverluste – zweite Wurfchancen) * 50

In der abgelaufenen Saison 2019/20 ist Meister Kiel ist an erster Stelle. Sie erzielten auch die meisten Tore pro Spiel. Die beste Wurfquote hatten die Füchse Berlin. Doch aufgrund von deutlich mehr Ballverlusten als Kiel, befinden sie sich nur auf Platz zwei.

Die größte Abweichung zum tatsächlichen Tabellenplatz ist beim SC Magdeburg zu finden. Sie beendeten die Saison auf Platz drei. Ihr Offensive Rating lag hingegen nur auf Rang acht. Obwohl mit Michael Damgaard der Spieler mit den meisten Feldtoren pro Spiel der HBL (6,1) der zentrale Punkt des Angriffs des SCM ist. Er ist allerdings auch Magdeburgs einziger Spieler mit über drei Toren aus dem Feld pro Spiel. Das Hauptproblem der Offensive des SCM ist allerdings die Wurfquote. Diese war ebenfalls nur auf Platz acht der Liga. Ballverluste hatten Sie (angepasst auf die Spielgeschwindigkeit) am fünftwenigsten. Der Hauptgrund für das gute Abschneiden des Teams von Bennet Wiegert in der Gesamttabelle dürfte also die Defensive gewesen sein.

Bei der HSG Wetzlar ist das Gegenteil der Fall. Sie hatten den viertbesten Angriff der Liga. Auf der Abschlusstabelle lagen sie jedoch auf lediglich auf Platz neun. Hier scheint also die Verteidigung das Problem zu sein. Im Gegensatz zum SCM ist bei den Mittelhessen die Hauptlast im Angriff auf mehrere Schultern verteilt. Mit Anton Lindskog, Stefan Cavor, Kristian Björnsen und Olle Forsell Schefvert werfen gleich vier Spieler mehr als drei Feldtore pro Spiel. Ob das jedoch tatsächlich ein Grund für die Qualität der Offensive oder nur Zufall ist, bedarf einer genaueren Analyse. Gründe für den Erfolg sind hingegen auf jeden Fall die gute Wurfquote und die wenigen Ballverluste.

Auf dem letzten Platz der Tabelle nach dem Offensive Rating befindet sich, wie auch in der Abschlusstabelle, die HSG Nordhorn-Lingen. Sie hatten die schwächste Wurfquote, am zweitmeisten Ballverluste und am drittwenigsten zweite Wurfchancen. Betrachtet man auch die beiden vorherigen Spielzeiten, dann waren immerhin von vier Teams die Defensiven schwächer.

Kiels Angriff hingegen wäre auch in den beiden Saisons zuvor die beste Offensive gewesen. Und das noch bevor sie mit Sander Sagosen den vielleicht besten Spieler der Welt dazu bekommen haben. Es wäre also nicht überraschend, wenn sie in der kommenden Saison eine noch bessere Offensive aufstellen würden. Besser als die Füchse Berlin, die die zweitbeste Offensive in der vergangenen Saison hatten, waren nur noch die Rhein-Neckar Löwen aus 2017/18.

Spitzentrio bei der Defensive

Die Berechnung des Defensive Ratings entspricht der Berechnung des Offensive Ratings mit den Daten des Gegners. Es ist also auch ein niedriger Wert besser als ein höherer. Zusammengefasst heißt dies:

Defensive Rating = Gegentore / (Würfe Gegner + Ballverluste Gegner – zweite Wurfchancen Gegner) * 50

Bei der Defensive war der Meister aus Kiel in der abgelaufenen Saison nur das zweitbeste Team, knapp hinter Flensburg. Praktisch gleichauf mit den beiden Spitzenteams folgte Magdeburg. Letztere konnten also tatsächlich ihre schwache Offensive mit einer sehr starken Defensive ausgleichen. Wetzlars Defensive ist hingegen deutlich unterdurchschnittlich, sie liegen nur auf Platz 16. So erklärt sich ihr neunter Platz in der Abschlusstabelle, trotz viertbester Offensive.

Im Vergleich mit den beiden vorherigen Saisons waren die Defensive Ratings jedoch eher schwach. Flensburg und Kiel liegen im saisonübergreifenden Vergleich nur auf Platz acht und neun. Jahr für Jahr stieg das Offensive Rating (von 26,9 auf 27,6). Da die Durchschnitte der beiden Ratings logischerweise immer gleich sind, wurde das Defensive Rating schwächer. Auch die Wurfquoten stiegen. Da stellt sich natürlich die Henne-Ei-Frage, ob die Offensiven besser oder Defensiven schlechter geworden sind? Die Antwort darauf wird es in den kommenden Wochen an dieser Stelle geben.

Auch beim Defensive Rating der Saison 2019/20 befindet sich Nordhorn auf dem letzten Platz. Diese ist auch im Vergleich mit den beiden Vorjahren das schwächste Abschneiden. Grund dafür waren die zweithöchste gegnerische Wurfquote und die wenigsten gegnerischen Ballverluste. Die zweitschwächste Defensive der vergangenen Saison hatte der HBW Balingen-Weilstetten. Obwohl Trainer Jens Bürkle als Spieler noch Teil der gefürchteten HBW-Defensive um Daniel Sauer, Wolfgang Strobel und Frank „Litty“ Ettwein war. Doch die Gallier von der Alb erzwangen nur am zweitwenigsten Ballverluste und ließen die höchste gegnerische Wurfquote der Liga zu.

Anhand dieser beiden Kennzahlen ist es nun möglich die Eingangsfrage von Heiner Brand fair zu bewerten. Die genauen Zahlen dazu und wie das Offensive Rating und Defensive Rating zu einer Kennzahl kombiniert werden können, werden in der nächsten Woche betrachtet.

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