Wer spielt Money(Hand)ball?

Wer spielt Money(Hand)ball?

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  • Beitrag ver├Âffentlicht:10. August 2020
  • Lesedauer:6 min Lesezeit

Die Houston Rockets sind eines der erfolgreichsten NBA-Teams der vergangenen Jahre. Zwar reichte es (noch) nicht zum gro├čen Titel, doch k├╝rzlich zogen sie zum achten Mal in Folge in die Playoffs ein. Kein anderes Team kommt auf eine so lange Serie. Der Grund daf├╝r ist nicht nur, dass 2012 Superstar James Harden zum Team gesto├čen ist. Denn der Erfolg des Teams hat sehr viel mit General Manager Daryl Morey zu tun. Der gerne als Nerd abgestempelte Chef-Entscheider der Texaner sorgte daf├╝r, dass das Team komplett nach seiner Basketball-Philosophie spielt. Diese beruht grunds├Ątzlich auf Mathematik, mit dem Ziel auf ineffiziente W├╝rfe zu verzichten.

Moreyball

Dieser von Morey gepr├Ągte Spielstil sorgte daf├╝r, dass der ineffiziente Mitteldistanzwurf mittlerweile fast komplett aus dem Basketball verschwunden ist. Die effizientesten Abschl├╝sse direkt am Korb, von der Freiwurflinie sowie Drei-Punkte-W├╝rfe (besonders aus der Ecke, wo die Linie n├Ąher am Korb ist), werden seither deutlich h├Ąufiger genutzt.

Mittlerweile hat sich der Spielstil aller Teams dem der Houston Rockets angeglichen. Doch das Team aus der Raumfahrt-Stadt spielt den Stil Jahr f├╝r Jahr extremer. Moreys Ideen sind auch weiterhin umstritten. Doch der Erfolg und besonders, dass seine urspr├╝nglichen Ans├Ątze sich mittlerweile bei jedem Basketball-Team durchgesetzt haben, gibt ihm recht.

In Anlehnung an das Buch und den Film ÔÇ×MoneyballÔÇť, wird dieser Spielstil auch ÔÇ×MoreyballÔÇť genannt. W├Ąhrend in ÔÇ×MoneyballÔÇť beschrieben wird, wie Manager Billy Beane daf├╝r sorgte, dass Baseball effizienter gespielt wurde und damit die Analytics-Revolution im Sport ausl├Âste, machte Morey dies im Basketball.

Moneyhandball

Diese Ideen lassen sich nat├╝rlich auch auf den Handball ├╝bertragen. Dazu muss aber erst einmal festgestellt werden, was ein effizienter Wurf ist. In der HBL werden in den Daten bei jedem Tor die Wurfposition und die Art des Wurfes erfasst. Diese k├Ânnen zur besseren ├ťbersicht in ├Ąhnliche Gruppen zusammengefasst werden.

Es ist keine ├ťberraschung, dass mit Abstand am meisten W├╝rfe aus dem R├╝ckraum genommen werden. Beinahe jeder vierte Wurf kommt aus der Mitte des R├╝ckraums. Gleichzeitig ist die Trefferquote von dort, genau wie bei normalen W├╝rfen innerhalb von neun Metern deutlich unterdurchschnittlich. Nur direkte Freiw├╝rfe werden noch schlechter getroffen.

Kaum verwundern d├╝rfte auch, dass die Abschlussarten, bei denen alle Verteidiger bis auf den Torh├╝ter ├╝berwunden wurden, die besten Trefferquoten aufweisen. Nat├╝rlich ist es aber auch um einiges schwieriger solche Abschl├╝sse zu bekommen und die Wahrscheinlichkeit des Ballverlustes ist deutlich h├Âher als bei W├╝rfen aus dem R├╝ckraum. Im Sinne des ÔÇ×MoneyballsÔÇť m├╝ssten Teams aber Wege finden diese hochprozentigen Abschl├╝sse m├Âglichst oft herauszuspielen.

Eine solche Entwicklung hat im Welthandball auch tats├Ąchlich stattgefunden. Der Trainer des italienischen Erstligisten Polisportiva Cingoli und Video-Analyst der italienischen Nationalmannschaft Sergio Palazzi ver├Âffentlichte auf Twitter eine Grafik zur Entwicklung von Wurfauswahl und -effizienz bei den Europameisterschaften 2000, 2010 und 2020. Der Anteil der W├╝rfe aus dem R├╝ckraum lag 2000 noch bei 44,6 %. 2020 waren es nur noch 34,4 %. Stattdessen sind besonders die Anteile der deutlich effizienteren W├╝rfe von Au├čen und von Durchbr├╝chen nach oben gegangen.

Kehrmannball

Dieselbe Entwicklung ist auch in der Handball-Bundesliga erkennbar, obwohl nur aus den vergangenen drei Spielzeiten Daten vorliegen. 2017/18 waren noch 51,5 % der Abschl├╝sse aus dem R├╝ckraum und Abschl├╝sse im Neun-Meter-Raum mit weiteren Verteidigern zwischen Werfer und Torwart (also ohne Durchbr├╝che, W├╝rfe vom Kreis und Gegenst├Â├čen). Zwei Spielzeiten sp├Ąter waren es nur noch 49,0 %.

Dabei gibt es aber riesige Unterschiede zwischen den Teams. Die wenigsten dieser ineffizienten Abschl├╝sse nahm in der vergangenen Saison der TBV Lemgo mit lediglich 40,0 %. So schafften sie es auch die siebtbeste Offensive der Liga zu stellen. Aus ÔÇ×MoneyballÔÇť wird in der HBL also ÔÇ×KehrmannballÔÇť. Das Team des ehemaligen Weltklasse-Au├čen nahm dabei bei allen ├╝berdurchschnittlich effizienten Wurfarten, au├čer den Sieben-Metern (wo sie nur ganz knapp unterdurchschnittlich sind), ├╝berdurchschnittlich viele W├╝rfe. Besonders der Durchbruch (12,9 %) und nat├╝rlich die W├╝rfe von au├čen (15,3 %) haben sehr hohe Anteile. Dabei haben sie auch eine sehr starke Entwicklung hinter sich. Vor zwei Jahren waren noch knapp ├╝ber die H├Ąlfte ihrer W├╝rfe aus dem R├╝ckraum und dem Neun-Meter-Raum.

Deutlich konstantester ist der SC Magdeburg. Die Sachsen-Anhaltiner hatten in jeder der vergangenen drei Spielzeiten je den zweitgeringsten Anteil W├╝rfen aus dem R├╝ckraum und dem Neun-Meter-Raum. Bei den R├╝ckraumw├╝rfen haben sie sogar den geringsten Anteil (28,2 %). Nimmt man auch noch den schnellen Spielstil des Teams von Bennet Wiegert hinzu, dann wirkt der SCM wie die HBL-Version der Houston Rockets.

Das Gegenteil ist der TVB Stuttgart. Sie hatten einen Anteil an ineffizienten W├╝rfen von 58,6 %. Auch in den beiden Vorjahren waren sie hierbei das Schlusslicht der Liga. Immerhin ist der Trend positiv: Vor zwei Spielzeiten waren es noch 64,1 %.

Die Zukunft

Die ÔÇ×MoneyballÔÇť-Entwicklung macht also auch vor dem Handball keinen Halt. Im Artikel ├╝ber das Offensive und Defensive Rating kam die Frage auf, woran es liegt, dass das Offensive Rating Jahr f├╝r Jahr steigt bzw. das Defensive Rating sinkt: Sind Angriffe besser oder Verteidigungen schlechter geworden? Die Offensiven sind also auf jeden Fall kl├╝ger geworden. Durch die bessere Wurfauswahl ist auch die gesamte Wurfquote in der HBL von 59,4 % (2017/18) auf 61,8 % (2019/20) gestiegen. Es sind also eindeutig die Offensiven besser geworden.

Im Basketball treiben es die Houston Rockets immer weiter Ideen mit den Ideen ihres General Managers. So spielen sie, nachdem auf den klassischen gro├čen und kantigen Power Forward schon seit Jahren verzichtet wird, mittlerweile auch ohne klassischen gro├čen Center. Mit einem weiteren Fl├╝gelspieler ist das Team in der Defensive daf├╝r mit f├╝nf Spielern mit K├Ârpergr├Â├čen zwischen zwischen 1,91 und 2,01 Metern maximal flexibel. In der Offensive wird der Ball in die H├Ąnde der Superstars James Harden und Russell Westbrook gegeben, w├Ąhrend die anderen Spieler an den Seiten auf Drei-Punkte-W├╝rfe warten.

Diese weiteren Ans├Ątze lassen sich so direkt sicherlich nicht auf den Handball ├╝bertragen. F├╝r den Angriff k├Ânnten solche variablen Aufstellungen im Handball aber trotzdem revolution├Ąr sein, wenn auch auf anderer Weise. Beispielsweise indem Spieler komplett flexibel im Angriff die Positionen tauschen. Auch wenn daf├╝r je drei rechtsh├Ąndige und linksh├Ąndige eierlegende Wollmilchs├Ąue ben├Âtigt werden w├╝rden. Der Trend in Richtung kl├╝gerer Offensive im Sinne des Moneyball wird aber sicherlich trotzdem weiter gehen. Und die W├╝rfe aus dem R├╝ckraum werden weiterhin immer weniger werden.

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Julian Rux

Founder and Owner | Gr├╝nder und Eigent├╝mer

­čçČ­čçž Julian is responsible for most of the content on this website. The Master of Science in Business Administration works - in addition to his main job as a controller - in a part-time job for the Handball Bundesliga (among other things as a columnist) and has also analysed data for Bundesliga clubs.

­čçę­čç¬ Julian ist f├╝r den Gro├čteil des Inhalts dieser Website verantwortlich. Der Master of Science der Betriebswirtschaftslehre arbeitet - neben seinem Hauptjob als Controller - im Nebenjob f├╝r die Handball-Bundesliga (u.a. als Kolumnist) und hat auch f├╝r Bundesligisten Daten analysiert.

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